Schatten

Zuerst war ihr der Schatten im Keller aufgefallen. Als er nur so groß war wie ein Fußball. Und obwohl er seinen Standplatz immer wechselte, bis er oben an der Treppe war, es dabei schaffte größer zu werden und eine menschliche Form anzunehmen, schenkte sie ihm kaum Beachtung. Auch nicht, als er in anderen Teilen des Hauses erschien. Vielleicht wäre es anders gewesen, hätte er sich vor ihren Augen bewegt. Aber so fiel er ihr erst richtig auf, als er weg war.
Dann hörte sie mitten in der Nacht, wie etwas auf dem Boden zersplitterte. Sie fand die Vase, welche normalerweise auf dem Couchtisch stand, nun kaputt daneben lag.
Als sie nach den Scherben griff, schnellte eine Hand unter dem Tisch hervor. Sie bestand ganz klar aus Schatten, war aber genauso körperlich wie ihre eigene.
Erschrocken sprang sie auf und wich zurück. Vor ihren Augen wurde die Hand zurückgezogen. Sekunden später fühlte sie die Finger an ihrem Rücken. Wieder konnte sie ausweichen. Und wieder verschwand sie im Schatten.
Doch zu ihrem Entsetzen glitt sie als Nächstes aus dem Schatten des Schrankes neben dem Lichtschalter und tastete suchend die Wand ab. Sie musste sich entscheiden. Sie rannte zu ihrem Handy.
Gerade als sie es zu fassen bekam, wurde das Licht gelöscht.
In der nächsten Sekunde spürte sie, wie Arme um sie gelegt und brutal zusammen gezogen wurden. Unter dem Druck wich die Luft aus ihrer Lunge. In ihrem Überlebenskampf drehte sie sich zur Seite und biss ihm fest in den glatten Schädel. Sein Griff lockerte sich genug, dass sie ihr Handy hochreißen und die Taschenlampe anschalten konnte. Sie richtete den grellen Schein direkt auf ihr Gesicht. Der Schatten kreischte schrill vor Schmerz. Dunkler Rauch stieg aus dem Kopf hervor. Vor Schreck ließ er los. Während sie vor ihm zurückwich, schaffte sie
es, den Lichtschein auf ihm zu halten. Rückwärts ging sie zum Schalter und nachdem sie ihn umgelegt hatte, brachen Flammen aus dem ganzen Schattenkörper hervor. Das Feuer griff schnell auf ihr Haus über. Unter dem Schreien der Kreatur und dem schrillen Feueralarm, schaffte sie es aus dem Gebäude. Die Schäden waren groß, doch sie war am Leben. Und zukünftig jedem Schatten gegenüber misstrauisch.

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